100 Meilen durch das Elsass – Der Trail Alsace Grand Est by UTMB aus Sicht der Crew

von | 29. Mai 2023 | Reportagen, Läufe

Es war eine Premiere in verschiedener Hinsicht. Zum allerersten Mal fand dieses Event statt, es wurde im Rahmen der UTMB World Series gegründet und gesellt sich nun zu einigen etablierten Veranstaltungen im Elsass. Zum allerersten Mal ist Xabi 100 Meilen gelaufen. Und zum allerersten Mal habe ich den Support bei einem 100 Meilen-Lauf gemacht. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es hat sich gelohnt. Der ganze Aufwand, das umfangreiche Training, die intensive Planung, die Vorfreude, die Anspannung. Es war ein wunderbares Erlebnis und wieder einmal denke ich, dass Trailrunning der beste Sport ist, da das Gesamtpaket, das man bekommt, mindestens genauso wichtig ist wie der sportliche Aspekt. Wir reisen nach Hause bereichert mit vielen Erlebnissen, die wir nie wieder vergessen werden. Du begegnest neuen Menschen und fühlst mit ihnen mit. Du teilst unvergessliche Momente mit den Menschen, die dir am nächsten stehen und das schweißt noch mehr zusammen.

Aber nun erstmal zum Event. Als wir im September davon hören, sind wir sofort interessiert. Xabi hatte vor, einen 100 Meilen-Lauf anzugehen und wir waren noch am Überlegen, welches Event gut passen würde. Beim Trail Alsace Grand Est by UTMB kommt für uns alles zusammen: Es ist gut erreichbar, wir sind sowieso gerne in Frankreich, es gibt Running Stones und für einen ersten 100 Meilen-Lauf ist es mit einem insgesamt gut laufbaren Terrain und „nur“ knapp über 6.000 Höhenmeter ein Lauf, bei dem man vergleichsweise nicht so lange unterwegs sein wird und den man im Winter/Frühjahr auch im Mittelgebirge gut vorbereiten kann. Außerdem ist an fast allen Verpflegungsstellen externe Hilfe erlaubt und man kommt überall mit dem Auto hin. Als sich die Läufe nach und nach füllen, meldet Xabi sich an. Alles klar, wir sind dabei!

INFOBOX

Ultra-Trail des Chevaliers: 175 km, +6.200 Höhenmeter
Ultra-Trail des Païens: 109 km, +3.820 Höhenmeter
Trail des Celtes: 50 km, +1.990 Höhenmeter
Trail des Pèlerins: 34 km, +1.280 Höhenmeter

18.-21.05.2023

Wie es immer so ist, vergeht die Zeit schnell und was anfangs noch so weit weg erschien, steht plötzlich vor der Tür. In den letzten Tagen der Vorbereitung kommt etwas Verwirrung auf, denn die Angaben vom Reglement unterscheiden sich von dem, was auf der Website und im Roadbook veröffentlicht wird, im auf Livetrail angelegten Streckenprofil sind andere Verpflegungsstellen eingetragen und teilweise unterscheiden sich Angaben sogar je nachdem, ob man die Website auf Englisch oder Französisch aufruft. Zurecht beschweren sich Läufer*innen und es kann alles aufgeklärt werden. Trotzdem braucht man das nicht unmittelbar ein paar Tage vor dem Lauf. Das ist sicher etwas, das der Veranstalter im nächsten Jahr verbessern sollte.

Donnerstags machen wir uns auf den Weg. Wir können es gemütlich angehen, denn die Startunterlagen holen wir erst freitags ab. Für Donnerstag gab es kein Zeitfenster mehr, was am Ende aber nicht schlimm war. Unser Ferienhaus liegt zwischen Colmar und Obernai, also zwischen Start und Ziel, in einem kleinen, typisch französischen Dorf. Vom Wohnzimmer aus können wir die Burg Haut-Koenigsbourg sehen, durch die der Lauf führen wird. Eine der vielen Burgen, die auf der Strecke liegen, 22 sind es insgesamt.

Am Freitag fahren wir gegen Mittag nach Obernai, schlendern etwas über die Messe, die wir uns etwas größer vorgestellt hatten, aber wir brauchen sowieso nichts und unterhalten uns etwas mit den Jungs von Näak. Als UTMB-Sponsor gibt es diese Produkte an den Verpflegungsstellen, aber das war uns auch erst kurz vorher aufgefallen, weshalb wir sie auch im Training nicht getestet hatten. Für die Zukunft ist das etwas, das man für UTMB-Läufe probieren könnte. Während wir uns in Obernai die Zeit vertreiben und dann die Startunterlagen abholen, sind die Läufer*innen der 50K unterwegs. In Obernai selbst geht alles entspannt zu, auf einer Leinwand wird der Livestream übertragen, es gibt zu essen, Leute sitzen in Liegestühlen und ein Feuerspucker sowie Pferde und mittelalterlich Gekleidete geben uns einen Vorgeschmack auf die Stimmung und das Thema des Events. Wir machen uns schon auf den Heimweg, bevor die ersten der 50K ankommen, denn abends ist ja schon der Start in Colmar.

Der Countdown läuft. Wir bereiten alles vor und freuen uns jetzt, dass es endlich los geht. So lange hatten wir es im Kopf, nun ist es gut, dass es soweit ist. Wir fahren zusammen mit meinen Eltern, mit denen ich zusammen den Support mache, nach Colmar. Wir finden eine Parklücke direkt neben dem Startgelände und mischen uns unter die Läufer*innen und Begleitungen. 518 Menschen gehen an den Start und es ist viel los an diesem Freitagabend in der Innenstadt von Colmar. 20 Uhr: Das Abenteuer beginnt. Für Xabi, alle Läufer*innen und auch für uns.

Ich hoffe, ich habe an alles gedacht. Der Plan ist, dass wir an diesem Abend noch zur Verpflegungsstelle nach Turckheim fahren, das ist Km 20, dann zurück ins Haus, ein paar Stunden schlafen und früh morgens wieder an die Strecke kommen. Wir sind recht schnell in Turckheim und haben genug Zeit, uns zu orientieren, unsere Sandwichs zu essen und uns dann beim Checkpoint zu positionieren. Ich stehe direkt neben Maite Maiora und ihrem Mann und beobachte, wie effizient alles abläuft. Bei uns kommt es nicht ganz so auf jede Minute an. Ich habe Xabi schon bei einigen Ultras begleitet, aber noch nie konnte ich an so vielen Stellen dabei sein. Das lässt mich auch als Teil der Veranstaltung fühlen, von Anfang an, doch dieser Eindruck verstärkt sich später noch, wenn wir immer wieder dieselben Läufer*innen und Begleitungen sehen. Wir verabschieden Xabi erst einmal in die Nacht und fahren nach Hause.

Zwei Stunden können wir schlafen, dann geht es wieder los. Durchs Wohnzimmerfenster sehen wir die hell erleuchtete Burg Haut-Koenigsbourg und ab und an ist der helle Strahl einer Stirnlampe zu erkennen. Gegen 4:30 sind wir auf der Burg, Laternen leuchten, Feuer brennt, zwei Ritter stehen Spalier. Der Checkpoint ist mitten in der Burg. Die Strecke führt nicht nur an den Burgen vorbei, sondern mittendurch, Besichtigung und Geschichte sind hier also inklusive. Xabi kommt vorbei und es geht ihm gut, er braucht nichts, da wir uns sowieso in ein paar Kilometer weiter unten sehen in Chatenois. Während wir runterfahren, fängt es an zu dämmern. In Chatenois, Km 80, kommen vereinzelt Läufer an. Insgesamt gibt es dreizehn Verpflegungsstellen, an zwölf ist externe Hilfe erlaubt, an drei Posten gibt es auch warmes Essen. In Chatenois gibt es viel Platz und ich breite Getränke und Verpflegung auf dem Tisch aus, hole Schuhe und Socken zum Wechseln aus der Tasche. Hier nimmt sich Xabi Zeit, die Hälfte ist geschafft, die Nacht ist vorbei, er ist bis jetzt super unterwegs. Ich packe wieder alles zusammen und wir fahren nach Dambach. Ab hier warten wir nun immer mit denselben Crews und wir fangen an, auch mit deren Läufer*innen mitzufiebern. Das ist das schöne bei so einem Ultra. Menschen, die du überhaupt nicht kennst und die du vielleicht nie wieder siehst, berühren dich irgendwie.

Nun haben wir circa zwei Stunden Zeit bis zur nächsten Verpflegung in Andlau. Da wir ganz in der Nähe von unserer Unterkunft sind, fahren wir erstmal zum Bäcker und frühstücken dann zuhause. Beim Bäcker ist richtig viel los, das ganze Dorf scheint hier anzustehen, sich zu unterhalten und Zeit zu haben. Das ist total schön, zu sehen und ich vermeide es absichtlich, auf die Uhr zu schauen, denn auch wenn wir es eigentlich eilig haben, will ich nicht wie die gestresste deutsche Touristin wirken, die keine Zeit hat. Dann frühstücken wir einfach etwas schneller. Ich bereite noch einen Burrito für Xabi vor, alles andere hatten wir zum Glück schon am Vortag komplett fertig gemacht. Andlau ist also unser nächstes Ziel. Hier fängt die Sonne an zu brennen. Wir sind vom frühen Morgen noch viel zu dick angezogen. Wir orientieren uns und schaffen es trotz engem Zeitplan rechtzeitig. Unsere Crew-Kolleg*innen sind auch schon wieder da. Xabi kommt wie in der Livetrail-Prognose angekündigt. T-Shirt, Sonnenbrille und -creme; er will Schorle, die ist aber im Auto, er will doch nie Schorle…

Und weiter geht’s nach Barr. Wir sind früh da und werden erschlagen von der Stadt. Hier ist Markt, es ist warm, viel los und wir suchen die Verplegungsstelle. Dort, wo sie auf der Karte eingezeichnet ist, war der Start der 50K am Vortag, aber sonst ist hier nichts. Wir suchen, fragen, keine*r weiß etwas. So langsam wird es knapp. Ich beschließe, dass wir uns trennen und ich einfach runter in die Altstadt laufe, da muss doch etwas sein. An einer Straßenecke läuft zufällig gerade Xabi vorbei. Was ein Timing! Ich renne hinterher, mit schwerem Rucksack und voller Tasche. Nach jeder Ecke hoffe ich, das Zelt zu sehen, doch nichts. Der Weg schlängelt sich durch die Stadt und führt nun schon wieder etwas hinaus. Wir entscheiden, dass das keinen Sinn ergibt und ich höre auf mit meiner Verfolgungsjagd. Mein Vater ruft mich an und meint, er hätte die Verpflegungsstation gefunden. Dann muss ich das doch auch schaffen. Ich renne wieder los, ein Streckenposten schickt mich aber in die falsche Richtung und bis ich es endlich finde, scheint Xabi schon wieder weitergelaufen zu sein. Hier in Barr ist es etwas chaotisch, wir sehen Läufer, die in die falsche Richtung laufen, Begleitungen, die ebenfalls den Checkpoint suchen, anscheinend ging es nicht nur uns so. Davon leitet sich eine große Bitte an den Veranstalter ab: Weist im nächsten Jahr die Verpflegungsstationen exakt aus, am besten im Roadbook für die Läufer*innen oder separat, aber nicht nur auf der Streckenkarte, wo dann auch noch Angaben falsch sind. Am besten gebt auch gleich die Parkmöglichkeiten an. Ich für meinen Teil nehme mir vor, die Angaben im Vorfeld zu erfragen, wenn ich sie nicht finden kann. Das hatte ich nämlich auch unterschätzt, dachte, das finden wir vor Ort schon. Aber dafür sind die Orte teilweise doch größer als ich dachte und ohne Hinweisschilder ist es schwierig. Zum Glück war Barr kein entscheidender Checkpoint für uns.

Die nächste Verpflegungsstelle finden wir leicht, sie ist direkt vor dem Sanctuaire du Mont Sainte-Odile und Parkplätze gibt es hier auch genug, da es ein beliebtes Ausflugsziel ist und Wandergebiet. Mittlerweile sehen wir auch ein paar der vorderen Läufer der 100K, die um 7 Uhr gestartet sind. Die Ersten werden mit Kamera begleitet und überhaupt ist viel los hier oben. Die zweite und dritte Frau der 100 Meilen, Jenny Josefsson und Marie-Helène Posta, sehen wir auch wieder. Ich baue erneut unser Buffet auf und ab hier hat Xabi nur noch einen Marathon zu laufen. Die Beine werden langsam schwer, meint er, aber ansonsten geht es ihm noch immer gut. Wenn jetzt nichts Außergewöhnliches passiert, sollte er den Lauf finishen.

Wir fahren nun zu unserem letzten Checkpoint, der vorletzte für die Läufer*innen. Den letzten lassen wir aus, denn sonst würde es etwas knapp, es rechtzeitig nach Obernai zu schaffen. In Klingenthal suchen wir wieder die Verpflegungsstelle, haben aber dieses Mal viel Zeit. Sie liegt schön an einem kleinen See und da nun auch immer mehr Läufer der 100K vorbeikommen, ist schon einiges los. Wir warten erst auf einer Bank am See und feuern die Läufer*innen an, noch 23 km, das schafft ihr! Die „Crew-Zone“ ist hier total beengt, es stehen nur wenige Bänke bereit, obwohl es insgesamt viel Platz gibt auf dem Gelände. Das könnte man im nächsten Jahr auch etwas ändern. Aber ich finde ein paar Centimenter freie Bank und packe zum letzten Mal das Buffet aus. Xabi nimmt allerdings kaum etwas, das Essen fällt ihm langsam schwer. Die letzten Kilometer sollen nun die schwierigsten werden, aber irgendwann muss es bei einem 100 Meilen-Lauf wahrscheinlich auch hart werden. Durchhalten, es ist fast vollbracht.

Während Xabi in Klingenthal ist, läuft Maite Maiora übrigens mit einer Zeit von 20:20:35 h gerade als Sechstplatzierte in der Gesamtwertung ins Ziel. Die ersten drei Männer sind Fabrice Fauser (17:53:44 h), Markus Meinke (19:04:59 h) und Jeremy Goguet (19:15:59 h).

Entspannt fahren wir nach Obernai und positionieren uns am Zieleinlauf. Catherine und Michel Poletti sind auch da und überhaupt ist hier gute Stimmung. Der Zieleinlauf ist eine lange Gerade und jede*r wird gefeiert. Die*den ein*e oder andere*n erkennen wir wieder, waren sie kurz vor oder hinter Xabi und wir haben sie mit ihren Crews den ganzen Tag gesehen. Wir freuen uns mit ihnen. Am Ziel eines Ultralaufs zu stehen und die Emotionen zu beobachten, ist immer besonders. Als Xabi einläuft, ist einiges los, denn die erste Frau der 100K und die Dritte der 100 Meilen werden erwartet. Er hat es geschafft! In knapp unter 24 Stunden, die ersten 100 Meilen. Platz 26 von am Ende 370 Finishern. Aber viel wichtiger als die Platzierung ist das, was du mitgenommen, erlebt und gelernt hast.

Wenn wir uns im Alltag so auf andere und fremde Menschen einlassen würden wie wir es bei einem Ultra tun, so mitfiebern und uns mit ihnen freuen würden, es wäre viel gewonnen in unserem Miteinander.

Als wir gegen 22 Uhr wieder zuhause sind, schauen wir rüber zur Burg Haut-Koenigsbourg. Hier sind die Lichter heute Abend aus. Aber wir wissen, dass irgendwo weiter auf der Strecke die Stirnlampen schon wieder eingeschaltet sind. Denn bis 12 Uhr am nächsten Tag können die Läufer*innen die 100 Meilen noch finishen. Kommt gut durch die Nacht! Wir fallen jetzt ins Bett.

FAZIT

Das Event können wir durchaus empfehlen. Ein paar Dinge waren nicht optimal bei dieser Premiere, aber solange der Veranstalter daraus lernt und es im nächsten Jahr verbessert, ist es okay. Insgesamt war die Veranstaltung gut organisiert, die Strecke top markiert und die Verpflegungsstellen gut ausgestattet. Der Lauf kann nicht mit einer atemberaubenden alpinen Landschaft locken, aber durch die vielen historischen Ortschaften und Burgen zu laufen, hat auch einen speziellen Charme. Man kommt so an vielen Wegpunkten vorbei, die es abwechslungsreich machen und für die Begleitungen sowie Zuschauer*innen ist es leicht möglich, den Lauf zu verfolgen. Als Läufer*innen hat man wiederum die Möglichkeit, oft auf den eigenen Support zurückzugreifen. Als erster 100 Meilen-Lauf oder 100K kann das hilfreich sein.

Die Infos für 2024 sollen bald veröffentlicht werden; wer interessiert ist, kann sich auf der Website eintragen, um direkt informiert zu werden, wenn es etwas Neues gibt: https://alsacegrandest.utmb.world/de

Alle Ergebnisse von 2023 findet ihr hier.

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