Der Mont-Blanc Marathon 2022

von | 2. Juli 2022 | Läufe, Reportagen

Wer am letzten Juni-Wochenende nach Chamonix fährt, findet folgendes Szenario vor: Am Place du Triangle de l’Amitié ist der Start-/Zielbogen aufgebaut. Am Place du Mont Blanc findet die Trailmesse statt. Durch die Straßen von Chamonix schlendern Trailläufer*innen und man hört eine Vielzahl verschiedener Sprachen. Die Läufer*innen stehen in der Schlange, um ihre Startnummern abzuholen. Und nein, es ist nicht UTMB-Woche, sondern das Wochenende des Mont-Blanc Marathon. Diese Veranstaltung hat sogar eine noch längere Historie als der UTMB, geht sie doch zurück auf den Cross du Mont Blanc, der erstmals 1979 ausgetragen wurde.

Seit 2003 wird die Marathondistanz angeboten und in den folgenden Jahren wurde das Event zusehends erweitert, so dass es heute insgesamt acht Wettbewerbe umfasst: Neben der Marathon-Distanz, die mittlerweile Teil der Golden Trail Series ist, und den 23 km, die dem ursprünglichen Cross du Mont Blanc entsprechen, gibt es auch eine 10 km-Strecke, einen Vertical Kilometer, eine 90 km-Distanz, den Young Race Marathon, einen Mini Cross und das sogenannte Duo étoilé (übersetzt so in etwa Duo unter den Sternen). Ausgerichtet wird der Lauf vom Club des Sports de Chamonix jedes Jahr am letzten Juni-Wochenende. Hier kann auf den schönsten Strecken rund um Chamonix gelaufen werden.

Wir kommen am Donnerstag vor der Veranstaltung in Chamonix an und wollen einfach als Zuschauer dabei sein. Wir hatten zwar ursprünglich mal die Idee, beim Duo étoilé mitzumachen, haben dann aber den Start der Anmeldung verpasst und ein paar Tage später waren schon alle 500 Duo-Plätze vergeben. Aber Chamonix ist immer eine Reise wert, auch ohne Startplatz.

Die Wetteraussicht für den Freitag verspricht allerdings nichts Gutes: Gewitterwarnung ab mittags. Wir checken die News für den 90 km-Lauf, dessen Start am Freitag, 24.6. um 4 Uhr vorgesehen ist. Der Veranstalter teilt mittags mit, dass sie am Start festhalten, die Pflichtausrüstung aber um zusätztliche Kleidung für das schlechte Wetter erweitert wird; über einen eventuellen Abbruch des Rennens würde je nach Wetterentwicklung entschieden. Abends kurz vor 21 Uhr kommt dann jedoch die Absage. Alle Wetterberechnungen sind eindeutig und sagen heftiges Gewitter mit starkem Wind im Gebirge voraus. Aufgrund der vielen anderen Läufe am Samstag und Sonntag kommt ein Verschieben auch nicht in Betracht. Die Reaktionen auf Facebook sind verständnisvoll. Wir fragen uns, wie sehr wir enttäuscht wären, wenn wir hätten starten wollen. Enttäuscht nicht im Sinne einer Kritik der Entscheidung der Rennleitung, die absolut nachvollziehbar ist, sondern enttäuscht im Sinne des Ziels, das wegfällt. Aber das Risiko einer Absage oder eines Abbruchs aufgrund zu schlechter Verhältnisse müssen wir wohl immer einkalkulieren, das ist eben Outdoor- bzw. Bergsport und gehört zu den Dingen, auf die wir keinen Einfluss haben und die wir nicht kontrollieren können.

Gegen Freitagmittag zieht dann tatsächlich das Gewitter auf und auch, wenn es im Tal nicht so heftig kommt wie die Warnung prognostizierte, sind es definitiv keine Bedingungen für einen alpinen Ultralauf. Diese 90 km bringen 6.330 Höhenmeter mit sich und umfassen in meinen Augen das Best-of der Trails rund um Chamonix. Es ist einfach alles dabei: zunächst westlich des Tals vom Brévent über den Grand Balcon Sud und Loriaz zum Lac d’Émosson, dann über den Col des Posettes und östlich des Tals zurück über Montenvers, Grand Balcon Nord und über 1.100 Höhenmeter am Stück runter vom Plan de l’Aiguille bis nach Chamonix. Mehr Infos zu den 90 km findet ihr hier.  Dieses Jahr wollten übrigens u.a. Sabrina Stanley, Kathrin Götz, Audrey Tanguy, Ekaterina und Dmitry Mityaev, Thibaut Garrivier und Tom Evans starten. Das wäre spannend geworden. Am Freitagabend wäre eigentlich noch der Start des Vertical Kilometers gewesen, aber dieser wird auf Samstagmorgen verschoben.

Der Samstag beginnt dann also mit den Starts des VK ab 7 Uhr. Alle 15 Sekunden startet ein*e Läufer*in am Place du Triangle de l’Amitié und es geht gleich direkt nach oben: zunächst über einen wirklich sehr steilen Asphaltanstieg vorbei an der Talstation Richtung Planpraz und dann führt der Anstieg in einem Zickzack-Kurs direkt unter den Gondeln entlang bis zur Bergstation. 1.000 Höhenmeter auf 3,8 km, die letzten Höhenmeter sind ausgesetzt. Insgesamt starten 502 Läufer*innen, die schnellste Zeit schafft bei den Frauen Jessica Pardin mit 00:45:22 h und bei den Männern Vincent Loustau mit 00:38:28 h. Ich dachte immer, dass mich ein VK nicht wirklich reizt, aber wenn ich so zuschaue, bekomme ich doch Lust und würde mich am liebsten einreihen, just for fun.

Am Samstagmorgen starten dann auch die Läufer*innen der 23 km und 10 km. Die 23 km-Strecke verläuft ähnlich wie die Marathon-Strecke, lässt allerdings die Aiguillette des Posettes aus und endet oben in Planpraz. Dabei kommen 1.680 Höhenmeter zusammen. Die 10 km-Strecke ist mit nur 280 Höhenmeter flach und schnell. Beide Distanzen starten nicht im Zentrum, sondern etwas außerhalb auf der Landewiese der Gleitschirmflieger. Infos zu den Strecken findet ihr hier (10 km) und hier (23 km). Die besten Zeiten sind bei den 10 km Llewellyn Groeneveld mit 00:37:29 h und Elsa Soulard mit 00:46:39 h und bei den 23 km Quentin Meyleu mit 02:08:19 h und Malen Osa Ansa mit 02:33:59 h.

Wir wandern an diesem Samstag noch nach Argentière und dort sehen wir tatsächlich mehrere kleine Gruppen, die gemeinsam die 90 km in Angriff genommen haben, ohne offizielle Wertung und Organisation, sondern auf eigene Faust und als eigenes Abenteuer. Die Bedingungen sind optimal und das ist eigentlich das ideale Programm für diesen Samstag. Wenn man sowieso vorhatte, 90 km um Chamonix zu laufen, vor Ort ist und alles passt, sollte man es auch einfach tun.

Am Abend steht schließlich noch das Duo étoilé auf dem Programm. Um 19:30 Uhr starten insgesamt 1.000 Läufer*innen bzw. 500 Paare zu 21 km mit 1.450 Höhenmetern: Aufstieg bis Montenvers, über den Grand Balcon Nord rüber bis zum Plan de l’Aiguille und wieder runter ins Tal. Mit Einbruch der Dunkelheit können wir von unserem Campingplatz aus einem beeindruckenden Schauspiel zuschauen. Eine ununterbrochene Lichterkette schlängelt sich den Grand Balcon entlang und zieht sich dann den Abstieg ins Tal hinunter, im Wald sieht man immer wieder Lichter aufblitzen. Aus der Ferne macht das Ganze einen weniger kompetitiven Eindruck, auch wenn die Ersten sicher auf Zeit laufen, aber ansonsten hat es eher etwas Feierliches. Irgendwann machen wir hier mal mit. Ich möchte auch ein Licht in dieser Kette sein. Das muss ein tolles Gefühl sein. Infos zum Duo étoilé findet ihr hier.

Genau 12 Stunden nach dem Start des Duo étoilé, um 7:30 Uhr am Sonntag, fällt der Startschuss zu den 42 km des Mont-Blanc Marathons. Hier finden sich die bekannten Namen aus der Golden Trail Series ein, insgesamt gehen fast 2.300 Läufer*innen an den Start. Nach den 42 km und 2.540 Höhenmetern führt die Strecke sie als Neuerung wieder zurück zum Place du Triangle de l’Amitié. Bislang lag das Ziel oben in Planpraz, doch da an dem im letzten Jahr geänderten Streckenverlauf (Aufstieg von Le Tour hoch zur Aiguillette des Posettes und Abstieg nach Vallorcine statt bislang genau anders herum) festgehalten werden sollte, diese neue Route aber nur 38 km umfasste und der Marathon seinem Namen schon gerecht werden sollte, führen die letzten Kilometer nun von La Flégère bis Charlanon und dann runter nach Chamonix. Sicherlich war es auch ein Argument, dass unten in der Stadt mehr Stimmung herrscht. Aber die Bergankunft hatte in meinen Augen auch etwas. Hier findet ihr Infos zur neuen Strecke.

Um 7:30 Uhr ist Chamonix jedenfalls schon wach an diesem Sonntag und man muss schon ein paar Meter an der Strecke entlang gehen, um noch einen Platz zu ergattern. Wir sehen uns die ersten drei der vier Startwellen an und stellen wieder einmal fest, dass eines der schönen Aspekte dieses Sports die Tatsache ist, dass Profis, Ambitionierte und Freizeitsportler*innen alle gemeinsam denselben Wettkampf absolvieren.

Etwas später fahren wir mit der Gondel hoch nach La Flégère, um dort die Läufer*innen auf der Strecke zu sehen. Oben an der Bergstation ist die letzte Verpflegungsstelle (ungefähr bei km 34) vor dem Ziel. Wir gehen die SKipiste, die sie hochlaufen müssen, ein gutes Stück runter und positionieren uns an einer Stelle, von der wir sie schon von weitem sehen können. Diese Piste hoch nach La Flégère ist wirklich übel und sicher nicht der Grund, warum man Trailläufer*in wird. Wir sind diese Strecke vor ein paar Jahren mal hochgelaufen und das war kein Spaß. Aber so können wir die Läufer*innen anfeuern und versuchen, sie etwas aufzumuntern. Peu à peu finden sich weitere Fans ein und auch oben in La Flégère wird es voller. Der Erste, der vorbei kommt, ist Jonathan Albon, gefolgt von Elhousine Elazzaoui, der sich erst einmal in einem Wasserlauf abkühlt. Es folgen Davide Magnini, Ruy Ueda und Thibaut Baronian. Alle sind total konzentriert. Oben in La Flégère werden die Fans lauter und vielleicht trägt die Läufer*innen das etwas durch diesen harten Anstieg.

Gut eine halbe Stunde nach den ersten Männern können wir schon die grüne Kappe von Sara Alonso ausmachen. Sie scheint das echt durchzuziehen nach ihrem 3. Platz in Zegama Ende Mai und hat doch schon ca. fünf Minuten Vorsprung. Wir feuern sie auf Baskisch an und kurz lächelt sie, bevor sie sich dann wieder mit fokussiertem Blick den Anstieg hochkämpft. Anschließend laufen Caitlin Fielder, Anaïs Sabrié und Dani Moreno die Piste hoch. Nach einigen weiteren Läufer*innen machen wir uns langsam wieder auf Richtung Bergstation La Flégère.

Dort ist mittlerweile richtig viel los, denn es sind auch die Läufer*innen des Young Race Marathon unterwegs, ein Lauf für junge Erwachsene von 18 bis 22 Jahren. Sie laufen insgesamt 15 km mit 810 Höhenmetern und das Timing ist toll, sie sind fast zeitgleich mit den Besten der Golden Trail Series auf der Strecke, erleben das gesamte Szenario und bekommen natürlich auch entsprechend Aufmerksamkeit. Es ist auf jeden Fall interessant zu sehen, wie somit Nachwuchsportler*innen gefördert und an den Sport herangeführt werden. Vielleicht ist das auch eine Erklärung für die Dichte an Top-Läufer*innen in Frankreich.

Unten in Chamonix gehen wir kurz am Ziel vorbei, wo gerade die ersten Läuferinnen des Young Race Marathon durch die Menschenmenge laufen. Sie werden zurecht gefeiert wie die „Großen“, bei denen übrigens am Ende Jonathan Albon mit 03:35:20 h und Sara Alonso mit 04:14:49 h gewonnen haben. Chamonix wird nun den ganzen Nachmittag feiern. Wir fahren noch mit der Gondel hoch zum Brévent und sogar auf 2.525 Metern kann man die Musik hören.

 Das war also der Mont-Blanc Marathon 2022. Trotz Absage am Freitag ein großes Fest auf den Trailsport.

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