Der Pitz Alpine Glacier Trail 2022 – Volunteering-Ultra statt Trail-Ultra

von | 16. August 2022 | Läufe, Reportagen

Am Freitag, den 5. August 2022 abends um kurz vor 23 Uhr stehen die Läufer*innen der langen Distanzen (P60, P90 und P105) in den Startblöcken und warten auf den Startschuss. Bis eine Stunde zuvor hat es viel geregnet, aber pünktlich zum Start hört es auf. Gleich geht es los, das Abenteuer kann beginnen. Eigentlich wollte ich jetzt auch an der Startlinie stehen, ich war für die 60 km angemeldet und wollte nach meinen Teilnahmen beim P30, P45R und P45G den Schritt auf einen Ultra wagen. Dann kam ein Knöchelbruch dazwischen und nun trage ich keine Startnummer, sondern bin als Volunteer dabei. Ich dachte mir, dass ich die Veranstaltung dann eben einfach mal aus einer anderen Perspektive erleben kann. Das sollte vom Erlebnis her nicht weniger intensiv werden als selbst zu laufen. Aber nun der Reihe nach…

INFOBOX PAGT

Distanzen:
P15:    16 km mit ca. 850 Höhenmetern
P30:    28 km mit ca. 1.600 Höhenmetern
P45R: 44 km mit ca. 2.450 Höhenmetern
P45G: 44 km mit ca. 2.800 Höhenmetern
P60:    62 km mit ca. 4.000 Höhenmetern
P90:    90 km mit ca. 5.400 Höhenmetern
P105: 106 km mit ca. 6.100 Höhenmetern

Weitere Infos: www.pitz-alpine.at

Startzeiten:
05.08.2022, 23 Uhr: P60, P90, P105
06.08.2022:
05:00 Uhr: P45G
07:00 Uhr: P45R
08:00 Uhr: P30
08:30 Uhr: P15

Startplätze insgesamt: 1.000

Alle Ergebnisse 2022 hier.

Mein Einsatz beginnt am Freitag um 8 Uhr. Auf dem Parkplatz der Rifflseebahn in Mandarfen ist das Festivalgelände schon eingerichtet und bis mittags gilt es, alles fertig aufzubauen und auszustatten, damit es um 12 Uhr pünktlich losgehen kann. Das Team der Innsbrucker Laufwerkstatt, die das Event organisiert, hat alles im Griff und weist uns Helfer*innen ein. Ich helfe insbesondere bei der Vorbereitung der Startnummernausgabe und beim Einrichten des Merchandising-Standes. Während wir hier im Tal am Aufbauen sind, findet oben am Rifflsee bereits der erste Lauf statt: der P3 Jubiläums-Trail. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des PAGT wird dieser angeboten, die Startnummer gibt es kostenlos. Man läuft eine 3 km-Runde um den Rifflsee und kann dabei Schuhe verschiedener Hersteller testen. Gewinner*in wird nicht die oder der Schnellste, sondern die Person, die sich am meisten der Durchschnittszeit nähert. Laufen darf man so viele Runden wie man will. Xabi macht hier mit, testet ein paar Schuhmodelle und genießt es, sich mit anderen Läufer*innen auszutauschen.

Um 12 Uhr wird dann die Startnummernausgabe geöffnet und da später auch Gewitter und Regen gemeldet sind, ist tatsächlich gleich schon einiges los. Unsere Aufgabe ist hauptsächlich, die Pflichtausrüstung und Handynummern zu kontrollieren und ich vergesse gleich bei meinem ersten Läufer, ihm das Armbändchen für die erfolgreichen Check umzubinden, was verpflichtend für den Start ist. Anfängerfehler! Ich erreiche ihn zum Glück noch auf dem Handy und er bekommt sein Band. Dass ich diesem Läufer aus Dänemark noch ein paar Mal begegnen werde, ahne ich noch nicht. Der Nachmittag vergeht schnell und es macht wirklich Spaß, sich mit den Läufer*innen zu unterhalten. Ich stehe hauptsächlich bei der Ausgabe der Unterlagen für die Ultra-Distanzen und wir reden über die Strecke, Schuhe, Riegel… und ab und zu ist es sogar richtig lustig. Ab dem Nachmittag regnet es wie vorhergesagt und das Wetter wird auch zum Gesprächsthema. Die Nacht soll zum Glück trocken sein, am Samstag ist wieder Regen gemeldet, evtl. leichtes Gewitter. Die Strecke ist nach dem vielen Regen auf jeden Fall nass und rutschig, was sie noch herausfordernder macht. Gegen Abend gebe ich dann Marie-Luise Mühlhuber ihre Startnummer und auch mit ihr muss man einfach zusammen lachen. Sie hat erst am Wochenende zuvor die 84 km im Rahmen des Großglockner Ultra-Trails gewonnen und muss nun mal schauen, was die Beine sagen. Natürlich würde sie gerne ihre Siegesserie der letzten drei Jahre beim P60 fortsetzen, ich drücke ihr die Daumen. Hätte ich nicht schon gewusst, dass Trailläufer*innen sympathische Menschen sind und die Trailcommunity eine besondere ist, so wüsste ich es auf jeden Fall nach diesen sechs Stunden Startnummernausgabe.

Während am Abend noch das Briefing für die Läufer*innen stattfindet, werden nun auch die Streckenposten gebrieft. Unsere Aufgabe wird sein, die Läufer*innen der Rennleitung zu melden, wenn sie an unserem Posten vorbei gelaufen sind. An einigen Stellen gibt es natürlich auch die offizielle Zeitmessung, die über das Live-Tracking verfolgt werden kann. Für Xabi ergibt sich an diesem Abend spontan noch ein Einsatz als Schlussläufer auf der 2. Runde der P45G-Strecke für Samstag.

Ich habe nun ein paar Stunden Pause und komme gegen 22 Uhr zurück für die Einlasskontrolle. Ihr erinnert euch, der Regen lässt jetzt nach. Langsam treffen die Läufer*innen ein, geben ihre Dropbags ab und wir beginnen mit dem Check der sicherheitstechnisch gesehen wichtigsten Gegenstände: Haben auch alle ihre Spikes, Regenjacke, Handy, Stirnlampe und das Erste Hilfe-Set dabei? Die Läufer*innen sammeln sich in den Startblöcken Elite, Ambitioniert und Genussläufer. Ein Zuschauer meint, dass die Kategorie „Genussläufer“ für einen 100 km-Lauf ja schon ein ziemlicher Widerspruch wäre, wo wäre denn der Genuss bei der ganzen Geschichte?

Die Spannung baut sich auf, irgendwann wird runtergezählt und um 23 Uhr ertönt dann der Startschuss. Die erste Welle geht auf die Strecke, die anderen beiden Blöcke folgen jeweils zehn Minuten später. Die roten Rücklichter verschwinden schnell im Nebel, bei guter Sicht kann man sonst die Lichterkette sehen, die sich den Mittagskogel hochzieht. Diese erste Schleife hat es schon in sich: direkt ein Anstieg mit 1.300 Höhenmetern bis auf über 3.000 Meter, vor allem am Ende extrem steil, Überschreitung der Mittagskogelscharte, Lauf über den Mittelbergferner und ein technischer Abstieg von der Braunschweiger Hütte zurück nach Mandarfen. Die Ersten sind gegen 2 Uhr wieder im Tal. Zu dieser Zeit liege ich im Bett, nachdem ich den Lauf noch ein bisschen im Livestream verfolgt habe.  Zum 10-jährigen Jubiläum wurden insgesamt fast zehn Stunden live übertragen.

Am Samstag beginnt mein Dienst dann wieder um 8 Uhr. Heute werde ich den ganzen Tag als Streckenposten auf der Neubergalm verbringen, zusammen mit Arthur und Noah von der Pitztaler Bergrettung. Wir werden zur Alm hochgefahren und richten unseren Platz ein. Ich merke sofort, dass das ein sehr unterhaltsamer Tag sein wird mit den beiden. Das ist gut, denn bei uns kommen nur die Läufer*innen vom P90 und P105 vorbei und mittlerweile sind die Abstände zwischen ihnen natürlich ziemlich groß. So haben wir viel Zeit, uns über Gott und die Welt zu unterhalten. Vormittags ist das Wetter noch ganz okay, es ist bewölkt, jedoch mit Sicht, ab mittags zieht es dann komplett zu, wird neblig und regnet. Wir haben es uns aber gemütlich gemacht, sitzen auf einer Bank unter einem Sonnenschirm und spannen später noch einen Biwaksack als Windschutz auf. Wir haben also eigentlich einen sehr komfortablen Posten, es gibt auch Streckenposten, die ausgesetzt und allein irgendwo am Berg sitzen. Aber die Läufer*innen sind ja auch bei dem Wetter unterwegs und was sie heute bei diesen Bedingungen auf der eh schon schwierigen Strecke wirklich leisten, kann man noch mehr nachvollziehen, wenn man selbst den ganzen Tag in den Bergen auf bzw. an der Strecke ist.

Um 10:43 Uhr Uhr kommt Florian Grasel als Erster vorbei. Er hat 40 Minuten Abstand auf den Zweiten und wird den Lauf später auch in 15:55:14 h gewinnen. Dritter ist übrigens momentan Nicolai, der Däne, der fast kein Armbändchen von mir bekommen hätte. Seine Frau wandert hoch zur Neubergalm und wir unterhalten uns einen Moment. Es ist sein erster 100 km-Lauf und sein erster alpiner Trail. Er kommt gemeinsam mit dem Ersten des P90 vorbei. Ich freue mich riesig für ihn und wünsche ihm, dass er weiterhin so gut durchkommt. Vereinzelt kommen dann weitere Läufer*innen vorbei, insgesamt sind es über den gesamten Tag verteilt 44. Einige brechen vorher ab. Das ist in anderen Jahren allerdings auch schon so gewesen. Meine Vermutung ist, dass viele Teilnehmer*innen die Strecke unterschätzen. Klar, 100 km-Läufe gibt es viele und die Höhenmeter an sich sind für einen alpinen 100 km-Lauf auch nichts außergewöhnliches. Doch die Strecke ist einfach sehr technisch und es gibt viele Passagen, die nicht wirklich laufbar sind. Im Vorfeld rechnet sich die oder der eine da sicherlich andere Zeiten aus. Ein sehr symphatisches Detail ist die Tatsache, dass es eine eigene Wertung gibt für die P60-, P90- und P105-Läufer*innen, die nach der P45G-Strecke aufhören und für die P105-Läufer*innen, denen es nach den 90 km reicht. So steht kein DNF in der Ergebnisliste, sondern es gibt eine eigene Wertung mit Siegerehrung und allem, was dazu gehört. Das finde ich fair und einige nutzen diese Gelegenheit auch. Dieses Jahr machen es die Bedingungen nicht einfacher. Ein Läufer ruft mir zu: „I’m not a finisher, I’m a surviver.“

Zwischendurch leisten uns die Hüttenwirte Gesellschaft und drei Hirten, die das Vieh von einer Alm auf die nächste getrieben haben, kommen vorbei. Ohne Startnummer und mit je einem langen Holzstock statt den faltbaren Carbonstöcken. Was sie wohl von uns Trailläufer*innen halten? Ich genieße diesen Tag, obwohl es mir zwischendurch wirklich kalt ist. Aber ich könnte mir für mich für heute keinen besseren Ort und keine bessere Aufgabe vorstellen, um den Lauf so intensiv zu erleben.

In Mandarfen sind übrigens mittlerweile Rene Mair und Sascha Pirke sowie Marie-Luise Mühlhuber als Erste des P60 ins Ziel gelaufen (nach 10:00:10 h und 11:20:10 h). Und dann fanden ja auch die anderen Distanzen statt, von denen ich selbst dieses Mal nicht so viel mitbekomme. Hier ist Xabi dafür im Einsatz. Als Schlussläufer hat er das Glück, zusammen mit Niklas die P30-Runde über Rifflsee und Fuldaer Höhenweg laufen zu dürfen. Sie warten, bis die letzten Läufer*innen des P45G vorbeikommen, die diese Runde auch absolvieren, und begleiten sie, immer die Balance suchend, ihnen nicht ständig auf den Fersen zu sein, aber ihnen auch zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Auf den Streckenabschnitten, auf denen heute niemand mehr vorbeikommt, sammeln sie die Markierungen ein. Schlussläufer*in zu sein, ist also eine tolle Möglichkeit, selbst die Strecke zu laufen, ohne Zeitambitionen und -druck und andere zu unterstützen, ihren Lauf zu schaffen. Näher dran sein geht eigentlich nicht. Und was ist vorne passiert? Da haben Daniela Oemus in 03:00:53 h und Manuel Innerhofer in 02:20:48 den P30, der zur Golden Trail National Series gehört, mit neuen Streckenrekorden gewonnen. 

Bei uns auf der Alm wird es langsam etwas duster und es sind auch nicht mehr viele Läufer*innen auf der Strecke. Insgesamt kommen nur drei Frauen vorbei, die am Ende auf die P90-Distanz wechseln. Eine davon ist Sabine, die zusammen mit Steffen läuft. Ich habe ihnen am Vorabend die Startunterlagen gegeben und habe sie schon im Livetracking verfolgt. Das ist so stark, wie sie das durchziehen. Sie tauchen plötzlich aus dem Nebel mit ihren Stirnlampen auf und wir feuern sie an. Jetzt ist der Kopf gefragt, die Willenskraft. Lauft das noch zu Ende, ihr schafft das!

Irgendwann, es ist jetzt schon komplett dunkel, kommt der letzte Läufer bei uns an. Nach einigem Abwägen entscheidet er, auszusteigen. In dem dichten Nebel sieht man nichts mehr und nun ganz alleine auf der Strecke zu sein, nach 22 Stunden auf den Beinen, ist nicht ohne. Jetzt auszusteigen, ist keine Niederlage. Überhaupt soweit gekommen zu sein, ist vielmehr ein Grund, stolz zu sein, finde ich, genau wie eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Wir räumen also unseren Posten und fahren alle zusammen zurück ins Tal. In Mandarfen laufen weitere Läufer*innen über die Ziellinie. Insgesamt kommen 22 Männer beim P105 ins Ziel, keine Frau, acht Männer steigen auf die EX P105 auf 90-Wertung um, ebenso wie drei Frauen. Beim P90 gibt es elf Finisher, darunter eine Frau.

Ich falle ins Bett, fast so müde wie wenn ich selbst gelaufen wäre und voll mit Eindrücken. Die Erfahrung, als Helfer bei einem Trailevent dabei zu sein, war durchweg gut. Ohne die vielen Freiwilligen könnten diese Veranstaltungen auch gar nicht gestemmt werden. Es ist eine schöne Möglichkeit, auch mal etwas zurückzugeben, sich einzubringen und andere zu unterstützen. Wir sind sicherlich mal wieder als Volunteers bei einem Event dabei.

Am nächsten Tag besuchen wir noch die Siegerehrung des P90 und P105. Blauer Himmel, angenehme Temperatur, perfektes Laufwetter. Aber auch perfektes Wetter, um alle Teilnehmer*innen zu feiern. Zufällig sitzen wir neben Nicolai und seiner Frau. Wir reden über die Strecke, das Training, seinen Lauf, das Pitztal und dann darf er als Dritter des P105 auf’s Treppchen. Dann sehe ich noch Sabine und gratuliere ihr zum Finish sowie zum zweiten Platz der EX P105 auf 90. Sie fragt mich, ob sie mich umarmen darf. Es sind diese Begegnungen, die am Ende zählen und dich bereichern. Du kennst diese Menschen eigentlich gar nicht, aber du teilst ein so intensives Erlebnis und plötzlich verbindet dich etwas.

Das waren unsere Erlebnisse und Eindrücke beim PAGT 2022. Und so hat jeder, der dabei war, seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Schön, dass sich unsere Wege im Pitztal gekreuzt haben. Nächstes Jahr sehen wir uns hoffentlich wieder.

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