Neuanfang oder Wiedereinstieg?

von | 24. September 2022 | Uphill/Downhill

Der Herbst hat für mich schon immer etwas von Neustart. Irgendwie denke ich eher in Schul- oder Studienjahren als in Kalenderjahren. Die Sommerläufe und -projekte sind vorbei und jetzt ist die Zeit, die letzten Monate zu reflektieren, Ideen für das nächste Jahr zu sammeln, sich für Läufe anzumelden und nach einer Pause langsam die Grundlage für die neuen Ziele zu schaffen. (Natürlich ist auch die Zeit, Kastanien und Nüsse zu sammeln und frische Äpfel zu essen.) Es passt daher für mich ganz gut zusammen, dass ich nach sechs Monaten Verletzungspause genau in diesen Wochen endlich wieder mit dem Laufen anfange.

Neuanfang oder Wiedereinstieg? Da bin ich momentan unschlüssig. Auf der einen Seite ist es ein tolles Gefühl, endlich wieder die Laufschuhe anzuziehen und eine Runde am frühen Morgen zu drehen. Auf der anderen Seite fühlt sich das Laufen merkwürdig an, es ist irgendwie nicht leicht und selbstverständlich. Natürlich hatte ich nicht vor, direkt von null wieder einen bestimmten Umfang zu erreichen, ich laufe bewusst langsam und nur kleine Umfänge. Aber mein Puls ist bei niedrigem Tempo höher als üblich und ich merke insgesamt, dass ich nicht einfach da einsteigen kann, wo ich aufgehört habe. Auch wenn ich den Sommer über viel Fahrrad gefahren bin und einige Wochen in den Bergen wandern war, stelle ich fest: Laufen ist laufen.

Bin ich nun enttäuscht, dass es nicht leichter geht? Ich versuche zumindest, es nicht zu sein und mich nicht mit mir selbst vor einem Jahr zu vergleichen, sondern mich selbst jetzt zu akzeptieren. Und auch wenn es so klischeehaft klingt, aber ein Reset ist ja immer auch die Chance, etwas anders zu machen. Ich habe diesen Sommer definitiv so sehr wie noch nie die Bewegung in der Natur genossen und die Zeit in den Bergen als etwas besonderes und nicht selbstverständliches gesehen. Wenn ich sonst manchmal dachte „Wie lange sind wir denn noch unterwegs?“ oder „Noch eine Stunde, dann ist die Trainingseinheit geschafft.“ und ich mich ehrlich gesagt schon mehr auf das Danach gefreut habe als auf das Mittendrin, will ich jetzt am liebsten gar nicht mehr aufhören. Wer weiß, was morgen ist. Und warum eigentlich überhaupt etwas anderes machen als draußen sein?

Es ist außerdem total spannend, sich selbst zu beobachten und wahrzunehmen. In der Vergangenheit bin ich z.B. überwiegend auf dem Mittelfuß aufgekommen, für Vorfuß oder Ferse musste ich schon aktiv denken. Jetzt lande ich ganz automatisch auf dem Vorfuß, alles andere fühlt sich nicht gut an. Hier bin ich mal gespannt, ob sich das wieder ändert oder ob ich langfristig einen etwas anderen Laufstil entwickle, ganz unbewusst sozusagen. Ich betrachte mich selbst einfach als Experiment.

Heute habe ich mich das erste Mal wieder auf den Trail getraut. Ja, getraut, denn ich glaube, es ist vor allem Kopfsache, sich selbst wieder zu vertrauen und etwas zuzutrauen. Das heißt natürlich nicht, unnötiges Risiko einzugehen, aber eben nicht mit Angst unterwegs zu sein und permanent zu überlegen, was passieren könnte. Es war ganz wunderbar. Ich hatte zum ersten Mal wieder ein Flow-Gefühl. Was hat mir das gefehlt! So sehr ich das Radfahren auch genossen habe (und ich genieße es weiterhin), aber diesen fast meditativen Zustand erreiche ich nur beim Laufen. Alle Sorgen und Probleme lösen sich auf, das Unmögliche scheint möglich und Ideen kommen wie von selbst. Die amerikanische Läuferin Corrine Malcolm sagte unlängst im Podcast Trailsociety: „Cycling can’t fill the hole in your heart.“ Und ich wusste, was sie meinte. Laufen ist eben laufen.

Ich freue mich, wieder einzusteigen und gleichzeitig neu zu starten. Ich bin jetzt auch wieder auf dem Trail. Vielleicht begegnen wir uns bald.

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