Wenn ich nicht laufen kann, kann ich immer noch ans Laufen denken

von | 20. Juni 2022 | Uphill/Downhill

Ich dachte, ich würde einen meiner ersten Blogposts über mein Training für den Pitz Alpine diesen Sommer schreiben. Oder über das Gefühl, nach dem Winter endlich den ersten frühlingshaften Traillauf im Taunus zu absolvieren. So sehr habe ich es herbei gesehnt, in kurzer Hose und T-Shirt durch die Natur zu laufen, die Sonne im Gesicht zu spüren und jeden Moment dabei aufzusaugen. Es kam anders. Erwarte das Unerwartete, sagte eine Freundin Anfang des Jahres zu mir, quasi als das Motto für 2022. Sie hatte Recht. Mitte März habe ich mir beim Skifahren den Knöchel gebrochen. Die Frühlingsläufe sind dieses Jahr für mich ausgefallen, auch werde ich beim Pitz Alpine nicht starten. Es gibt viel Schlimmeres, ich weiß, ein Knöchelbruch ist nun wirklich kein ernsthaftes Problem. Und trotzdem hat mich die Situation natürlich auf die Probe gestellt, Geduldsprobe.

Ich habe versucht, mich nicht zu ärgern, was ich gerade verpasse, sondern die Situation anzunehmen, wie sie eben ist. Das war nicht immer einfach, klar. Manchmal haben es die Zweifel schon geschafft, sich an den positiven Gedanken vorbeizudrängeln. Wird der Fuß einen alpinen Downhill wieder aushalten? Was, wenn sich der Kopf zu sehr einschaltet und ich mich vor lauter Angst an einen Sturz selbst blockiere? Zum Glück haben die positiven Gedanken die Zweifel immer wieder beiseite geschoben.

Insgesamt hatte ich also viel Zeit in den letzten Wochen und ich habe häufig darüber nachgedacht, was mir das Laufen bedeutet. Wie ich es in Zukunft angehen will. Warum es mir so einen Spaß macht. Das Laufen ist ein fester Bestandteil meines Lebens, aber warum überhaupt?

Die Antwort ist eigentlich recht simpel: Weil es mir gut dabei geht. Okay, das ist vielleicht etwas zu einfach. Am wichtigsten ist mir tatsächlich die Bewegung in der Natur, ganz aus eigener Kraft. Denn auch wenn ich mir Ziele setze, mich verbessern will, mich für einen Wettkampf anmelde, motiviert mich ganz schlicht und einfach das Laufen in der Natur: Es lässt mich komplett frei fühlen. Ich kann unserem durchorganisierten und strukturierten Leben kurz entfliehen, Zeit und Raum vergessen bzw. ganz darin aufgehen. Nichts sein müssen. Nichts tun müssen. Einfach nur laufen. In diesem Momenten fühle ich mich mit allem um mich herum verbunden. Das Leben ist einfach, schön und ein großes Glück. Was bis eben vielleicht noch ein Problem war, ist keines mehr. Die Gedanken kommen und gehen, alles erscheint möglich. Ich bin überzeugt, dass es beim Laufen nicht nur um die physische Komponente geht.

Aber natürlich spielt die physische Komponente auch eine große Rolle bei der Warum-Frage. Ich freue mich schon jetzt wieder, zu trainieren, langsam wieder aufzubauen. Das bietet uns die großartige Gelegenheit, uns selbst besser kennen zu lernen, Kopf und Körper. Wir verschieben langsam die vorhandenen Grenzen, entwickeln uns weiter. Dabei geht die Kurve nicht immer nach oben, aber das ist okay, auch wenn wir es manchmal nicht wahrhaben wollen. Trotz Rückschlägen können wir immer wieder anfangen. Es wieder versuchen. Wie im echten Leben hört es nie auf. Wir probieren, wir scheitern, wir probieren, es klappt nicht, wir probieren wieder, es gelingt uns und schon scheint die nächste Stufe möglich. Also probieren wir wieder…

Ich denke, dass das alles gut ist, solange wir uns damit nicht selbst unter Druck setzen. Der Prozess muss uns immer wichtiger sein als das Ergebnis selbst. Denn der Prozess lässt uns weiterentwickeln.

Ich weiß von mir selbst, dass ich manchmal in die Falle des Zwangs gerate. Erst diesen Winter, bevor ich mir den Knöchel gebrochen habe, hatte ich bereits eine Verletzung in demselben Fuß. Als die ersten Beschwerden auftraten, bin ich trotzdem noch unter Schmerzen laufen gegangen. Denn zumindest in dieser einen Woche wollte ich noch auf mein Kilometerziel kommen. Das ist nicht nur unvernünftig, sondern auch komplett sinnfrei. Aber der Zwang hatte mich eingenommen. Es ist ja richtig, dass wir uns Ziele setzen und Pläne schmieden, aber wir dürfen die Perspektive nicht verlieren. Es macht mir Spaß, meine Trainingsdaten auszuwerten und ich werde das weiterhin tun, aber ich will versuchen, dadurch das Laufen nicht zu einer weiteren durchorganisierten und zu strukturierten Facette des Lebens zu machen. Denn wenn es mir gerade doch ein Ausweg aus unserem komplexen und auf Effizienz getrimmten Leben ist, dann ist es ziemlich absurd, wenn ich mir selbst daraus eine Falle baue.

Laufen ist gleichzeitig so simpel und so vieles. Und ja, es fehlt mir. Ich bin sicher, dass ich die ersten Trailläufe so richtig genießen werden. Ich werde hüpfen und lachen und mein Glück nicht fassen können. Ich nehme mir fest vor, mir dieses Gefühl beizubehalten und das Laufen ab jetzt noch mehr zu schätzen zu wissen und dankbar zu sein, diesen Sport ausüben zu können. Ich muss in diesen Wochen oft denken, dass es so viele Menschen gibt, die nicht einfach durch die Natur laufen können. Sei es, weil sie es als Frauen in manchen Ländern nicht dürfen. Sei es, weil sie es aus gesundheitlichen Gründen nicht können. Sei es, weil es keinen öffentlichen Zugang zur Natur gibt. Oder sei es aus so vielen anderen Gründen. Wie viele Menschen auf der Welt haben nicht das Glück, frei zu entscheiden, sich die Laufschuhe anzuziehen und sich frei in der Natur zu bewegen. Ich nehme mir vor, mir mein Glück bewusst zu machen, wenn ich wieder laufen kann und für all jene zu laufen, die nicht laufen können.

Egal, wie schnell oder langsam wir laufen, wie viele Höhenmeter wir in einer Stunde machen, entscheidend ist, dass wir rausgehen und laufen. Dass wir es einfach tun. Und dass wir immer wieder anfangen.

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